Ein Teufelskreis

 
Aus Auf Draht
 
|    Ausgabe vom 15. Juni 2018
ver.di-Aktiontag in Dortmund im April 2016 (Foto: UZ-Archiv)
ver.di-Aktiontag in Dortmund im April 2016 (Foto: UZ-Archiv)
 

DKP-Be­ra­tung
zur Al­ten­pfle­ge in NRW

Sonn­tag, 24. Juni, 15.00 Uhr
Karl-Lieb­knecht-Schu­le
Am Stadt­park 68
51373 Le­ver­ku­sen

Um eine An­mel­dung wird ge­be­ten:
bgj@​dkp-​owl.​de

Ge­spräch mit der Ge­sund­heits-und Kran­ken­pfle­ge­rin Betty vom Städ­ti­schen Kli­ni­kum in Mün­chen zur Si­tua­ti­on in den Kran­ken­häu­sern und Al­ten­hei­men


Frage: In den letz­ten Jah­ren konzen­trierten sich die Ar­beits­kämp­fe im Ge­sund­heits­sys­tem, an­ders als in an­de­ren Bran­chen nicht ein­zig auf mehr Lohn und kür­ze­re Ar­beits­zei­ten, son­dern ver­mehrt auf das Thema Per­so­nal­be­mes­sung bzw. Per­so­nal­un­ter­gren­zen. Woran liegt das aus dei­ner Sicht?

Betty: Ich glau­be, das liegt daran, dass die Ar­beits­be­din­gun­gen im Ge­sund­heits­sys­tem mitt­ler­wei­le an vie­len Stel­len so schlecht sind, dass dies al­lein mit Geld nicht mehr aus­zu­glei­chen ist.
Ge­ra­de Pfle­ge­kräf­te sind an vie­len Stel­len sol­chen enor­men Ge­sund­heits­be­las­tun­gen aus­ge­setzt, dass we­ni­ger Ar­beits­be­las­tung, Re­du­zie­rung von Stress und ge­si­cher­te Er­ho­lungs­zei­ten einen hö­he­ren Stel­len­wert als fi­nan­zi­el­le As­pek­te ein­neh­men.
Der Kampf um eine ge­rech­te Ent­loh­nung, für die enor­me Ver­ant­wor­tung, die wir in un­se­ren Be­ru­fen tra­gen, bleibt den­noch ak­tu­ell. Aber zu­erst muss dafür ge­sorgt wer­den, dass un­se­re Ar­beit kein Ri­si­ko für die ei­ge­ne Ge­sund­heit mehr dar­stellt.

Frage: Wie ist die Per­so­nal­si­tua­ti­on im städ­ti­schen Münch­ner Kli­ni­kum?

Betty: In Mün­chen sieht es wie über­all aus. An allen Ecken und Enden fehlt das Per­so­nal und vor allem Fach­kräf­te. Auf den meis­ten Sta­tio­nen kann der Be­trieb ge­ra­de so auf­recht er­hal­ten wer­den.
Aber wie labil die­ses Sys­tem ist, zeigt bei­spiels­wei­se die Grip­pe­wel­le zu Be­ginn des Jah­res. An ei­ni­gen Kli­ni­ken muss­ten ganze Sta­tio­nen ge­schlos­sen wer­den, da durch Er­kran­kun­gen des Pfle­ge­per­so­nals oder der Ärz­tin­nen bzw. Ärzte schlicht­weg nie­mand mehr da war, um die Pa­ti­en­tin­nen und Pa­ti­en­ten zu ver­sor­gen. Auf Dauer ist das ein Teu­fels­kreis­lauf.
Es ist nicht genug Per­so­nal da, um Er­kran­kun­gen oder an­der­wei­ti­ge Aus­fäl­le Ein­zel­ner zu kom­pen­sie­ren. Dies muss durch Über­stun­den von an­de­ren Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen ab­ge­deckt wer­den, was für diese zu einer grö­ße­ren ge­sund­heit­li­chen Be­las­tung und damit zu noch mehr Aus­fäl­len führt. Auf vie­len Sta­tio­nen sorgt es be­reits für er­heb­li­che Pro­ble­me, so­bald auch nur ein oder zwei Kol­le­gin­nen oder Kol­le­gen für ei­ni­ge Tage aus­fal­len.

Frage: Um der Un­ter­be­set­zung ent­ge­gen­zu­wir­ken, hat die GroKo 9 000 Stel­len in Aus­sicht ge­stellt. Was hältst du von die­sem An­ge­bot?

Betty: Die­ses An­ge­bot ist blan­ker Hohn. Al­lein im Be­reich der Kran­ken­häu­ser feh­len in Deutsch­land etwa 162 000 Stel­len, da sind die Al­ten­pfle­ge und sta­tio­nä­re Ver­sor­gung von Men­schen mit Be­hin­de­run­gen noch nicht mal ein­ge­rech­net. Es gibt eine nette Bei­spiel­rech­nung an­hand der Al­ten­hei­me.
Wenn al­lein in die­sem Be­reich 8 000 neue Stel­len ge­schaf­fen wer­den, wären das pro Al­ten­pfle­ge­ein­rich­tung in Deutsch­land 0,6 neue Stel­len. Es braucht keine groß­ar­ti­gen Fach­kennt­nis­se, um zu er­ken­nen, dass damit der Pfle­ge­man­gel nicht be­ho­ben wer­den kann.
Auch die immer wie­der an­ge­kün­dig­ten „Aus­bil­dungs­of­fen­si­ven“ sind nur ein Trop­fen auf dem hei­ßen Stein.
Die meis­ten Pfle­ge­kräf­te be­wäl­ti­gen ihre täg­li­che Ar­beit ge­ra­de so. Für die An­lei­tung von Aus­zu­bil­den­den bleibt da oft keine Zeit, und die Azu­bis wer­den als bil­li­ge Aus­hilfs­kräf­te ver­heizt.
So ist zwar tem­po­rär eine zu­sätz­li­che Kraft vor­han­den, aber mit einer guten und fun­dier­ten Aus­bil­dung, die Spaß macht, hat das nichts zu tun und sorgt für enor­men Frust. Laut des DGB-Aus­bil­dungs­re­ports bre­chen 25 Pro­zent der Aus­zu­bil­den­den in der Pfle­ge ihre Aus­bil­dung aus sol­chen Grün­den ab und su­chen sich lie­ber einen an­de­ren Beruf.

Frage: In einem Vor­trag sprachst du davon, dass be­reits heute Teil­be­rei­che des Münch­ner Kli­ni­kums fremd ver­ge­ben wer­den. Wel­che sind das und wel­che Aus­wir­kun­gen hat dies?

Betty: In den letz­ten Jah­ren wur­den so­wohl die Rei­ni­gung als auch die Wä­sche­ver­sor­gung an ex­ter­ne Fir­men ver­ge­ben, wei­te­re Aus­glie­de­run­gen sind in Pla­nung.
Zum einen ist dies für die in die­sen Be­rei­chen be­schäf­tig­ten Men­schen fatal. Als An­ge­stell­te des Städ­ti­schen Kli­ni­kums wur­den diese nach dem TVöD be­zahlt, was nach der Aus­glie­de­rung weg­fiel. Auch wur­den bei der Über­nah­me Stel­len ge­stri­chen und den Be­schäf­tig­ten an­der­wei­ti­ge Maß­nah­men zu schlech­te­ren Kon­di­tio­nen an­ge­bo­ten. Ge­ra­de hier in Mün­chen kommt es in den meist so­wie­so schon ge­ring be­zahl­ten Bran­chen auf jeden Cent an, um über­le­ben zu kön­nen.
Zum an­de­ren be­deu­tet dies auch Nach­tei­le für die Sta­tio­nen. Die Wä­sche­ver­sor­gung ist eine Ka­ta­stro­phe, oft ist keine fri­sche Dienst­klei­dung ver­füg­bar oder es fehlt an Bett­la­ken, Wasch­lap­pen und Hand­tü­chern für die Pa­ti­en­tin­nen und Pa­ti­en­ten, da zu wenig Wä­sche oder das Fal­sche ge­lie­fert wurde. Da sich die Wä­sche­rei nicht in der Nähe be­fin­det, kann auch nicht mal schnell etwas Neues nach­ge­lie­fert wer­den.

Frage: Wel­che Aus­wir­kun­gen hat das Sys­tem der Fall­pau­scha­len auf die täg­li­che Ar­beit?

Betty: Durch die Fall­pau­scha­len wer­den Men­schen auf eine Dia­gno­se re­du­ziert. Eine in­di­vi­du­el­le Pfle­ge wird auf diese Weise mas­siv ein­ge­schränkt. Die kran­ken Men­schen wer­den an­hand öko­no­mi­scher Fak­to­ren be­wer­tet. Wer zu lange braucht, um sich bei­spiels­wei­se von einer Ope­ra­ti­on zu er­ho­len, gilt als Mi­nus­ge­schäft.
Es wird keine Rück­sicht mehr auf in­di­vi­du­el­le Be­dürf­nis­se ge­nom­men, wie etwa die Ver­sor­gung von Men­schen mit De­menz, die oft eine in­ten­si­ve­re Be­glei­tung brau­chen, um einen Kran­ken­haus­auf­ent­halt be­wäl­ti­gen zu kön­nen.
Auch zu­sätz­li­che Maß­nah­men, die in der je­wei­li­gen Fall­pau­scha­le nicht vor­ge­schrie­ben sind, kön­nen meist kaum durch­ge­führt wer­den, auch wenn sie den Pa­ti­en­tin­nen und Pa­ti­en­ten gut tun wür­den.
Leis­te ich an einer Per­son eine zu­sätz­li­che Maß­nah­me, muss ich bei der hohen Ar­beits­be­las­tung schau­en, dass ich die Zeit und den Auf­wand wo­an­ders wie­der ein­spa­re. Die­ses Sys­tem zwingt Pfle­gen­de, bei pfle­ge­be­dürf­ti­gen Men­schen eine Kos­ten-Nut­zen-Rech­nung zu ma­chen. Das hat mit be­dürf­nis­ori­en­tier­ter Pfle­ge nicht mehr viel zu tun und sorgt bei vie­len Pfle­gen­den für psy­chi­schen Druck und Frus­tra­ti­on.
So­wohl Pfle­gen­de als auch Ärz­tin­nen und Ärzte ver­su­chen so gut wie mög­lich nach den Be­dürf­nis­sen der Pa­ti­en­tin­nen und Pa­ti­en­ten zu han­deln und sich eben nicht dem öko­no­mi­schen Zwang zu beu­gen, indem bei­spiels­wei­se lang­sam ge­ne­sen­de Pa­ti­en­ten nicht nach Vor­schrift der Fall­pau­scha­le „raus­ge­wor­fen“ wer­den.
Dafür gibt es aber na­tür­lich von den Lei­tun­gen der Ge­sund­heits­ein­rich­tun­gen mas­si­ven Druck. Somit be­fin­den wir uns stän­dig in einem krank ma­chen­den Span­nungs­feld zwi­schen Für­sor­ge und Pro­fit.

Frage: Wie geht es bei euch und in der Pfle­ge all­ge­mein wei­ter? Sind wei­te­re Ak­tio­nen ge­plant?

Betty: Na­tür­lich geht es wei­ter. Von ver.​di gibt es mo­men­tan ver­schie­de­ne Pro­jek­te, um den Druck auf die Po­li­tik zu er­hö­hen und die Aus­wir­kun­gen des Pfle­ge­man­gels sicht­bar zu ma­chen.
Aber auch viele Be­schäf­tig­te wol­len sich diese Zu­stän­de nicht län­ger bie­ten las­sen. Es muss so lange wei­ter­ge­hen,
bis end­lich ein Zu­stand er­reicht wird, der so­wohl den Pfle­ge­be­dürf­ti­gen als auch den Be­schäf­tig­ten gut tut.

Das Ge­spräch ist leicht ge­kürzt über­nom­men wor­den
aus der Klein­zei­tung „Auf Draht“ vom 5. Juni,
die von der DKP Mün­chen und der Grup­pe KAZ her­aus­ge­ge­ben wird.

 
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